Mieder und Schwarz.
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„Erst kommt der Sonnenkäfer-Papa...“

Alleinerziehend im Osten

 

Von Gislinde Schwarz

 

Frieder verdreht die Augen, schaut aus dem Fenster, kippelt mit dem Stuhl. Meine Blicke, mein Flüstern, mein Bitten ignoriert er. Das Abschiedsprogramm für ihn und die anderen Schulanfänger scheint ihn nicht sonderlich zu interessieren. Mein Sohn demonstriert Abstand. Abstand von den Kleinen, die dort vorn singen, Abstand von seiner Kindergartenzeit, die nun hinter ihm liegt. Oder ist es das Lied?
 
„Erst kommt der Sonnenkäfer-Papa.
Dann kommt die Sonnenkäfer-Mama.
Und hinterdrein, ganz klitzeklein, die Sonnenkäfer-Kinderlein ...“
 
Solch eine Familienidylle gibt es bei uns zu Hause nicht mehr.
An jenem Abschiedstag Ende August 1986 lag meine Scheidung genau zwei Wochen hinter mir. Nach unendlich vielen Krächen und Zerwürfnissen und immer neuen Anfängen sah ich keine andere Möglichkeit mehr. Nur noch die Trennung.
Jetzt war ich alleinerziehende Mutter zweier Söhne. Was mir bis zu diesem Zeitpunkt nie aufgefallen war: In Liedern, die schon die Kleinen lernen, in den Büchern, die bei meinen Jungs im Schrank standen, sogar in der neuen Schulfibel war immer nur von Vater–Mutter–Kind die Rede, von der „heilen Familie“.
Was waren wir jetzt? Ein ganz normales Zuhause wollte ich für meine Kinder schaffen: Ruhe und Geborgenheit, genügend Zeit und Verständnis füreinander, ein großer Freundeskreis, tolle Erlebnisse zu dritt. Ihren Vater sollten sie selbstverständlich behalten. Nun, wo er vom aufreibenden Alltag entlastet war, würde er endlich den Spaß am Zusammensein mit ihnen entdecken können, so hoffte ich. Und natürlich hatte ich auch einen Traum für mich: Einen Partner, der mich liebt und der meinen Kinder vielleicht ein zweiter Vater werden könnte.
Ein Gedanke ist mir übrigens als DDR-Frau nie gekommen: Dass es finanziell nicht funktionieren könnte. Ich war schließlich berufstätig!
Den ersten Dämpfer versetzte mir meine Chefin gleich nach der Scheidung: „Hoffentlich hast du geklärt, dass dein Mann die Kinder versorgt, wenn du unterwegs bist! Ohne Dienstreisen kannst du in dieser Abteilung nicht arbeiten.“
Dabei hatte ich gerade dort ein wenig Trost und Wärme erwartet. Was sollte ich nun sagen: Dass mein Geschiedener mich niemals in meinem Beruf unterstützen würde? Dass ich das vielmehr von meinen Kolleginnen erhofft hatte? Immerhin arbeitete ich bei einer Frauenzeitschrift, eine die in ihren Kommentaren und Reportagen ständig über die Unterstützung durch das Kollektiv berichtete. Nun war ich allein mit den Kindern und damit ein Unsicherheitsfaktor. Deutlicher hätte es mir meine Chefin nicht zeigen können: Ab sofort marschierte ich in der zweiten Reihe. Dafür aber mit doppeltem Gepäck! 
 
Der erste Beitrag über die Situation Alleinerziehender erschien in jener Frauenzeitschrift 1988. Über zwei Jahre hatte es gebraucht, dieses Thema ins Heft zu bringen. So etwas würde niemanden interessieren, und außerdem sei es gesellschaftlich nicht relevant, lauteten die lapidaren Ablehnungen. Der eigentliche Grund war ein anderer: Es passte nicht ins Bild. Eine „sozialistische Familie“ bestand aus Vater Mutter und zwei bis drei Kindern, die Eltern selbstverständlich miteinander verheiratet, dazu beide berufstätig und gesellschaftlich aktiv.
Dabei war in der DDR Alleinerziehen fast genauso selbstverständlich wie Kinderkriegen, zumindest auf Zeit. 70 Prozent aller Erstgeborenen und ein Drittel aller Babys insgesamt kamen außerhalb von Ehen zur Welt. Natürlich wollte der Staat, dass alles seine Ordnung hatte. Er lockte mit Ehekredit und der größeren Wohnung, die nur Verheirateten zustand. Dafür hatte die DDR eine der höchsten Scheidungsraten der Welt – und meist waren es Frauen, die eine gerichtliche Trennung beantragten. Sorgen um ihre wirtschaftliche Zukunft mussten sie sich nicht machen. Nahezu alle waren berufstätig und wurden mit Krippenplätzen, Haushaltstag oder länger bezahlter Freistellung bei Krankheit der Kinder unterstützt.
Ein Thema in der Öffentlichkeit waren Alleinerziehende jedoch nicht. Nur ein Trick brachte jenen Beitrag endlich doch ins Heft. Eine Soziologin konnte Inge Lange, die führende Frauenpolitikerin der DDR, davon überzeugen, dass es doch auch ein Beweis für entwickelte Gleichberechtigung in der DDR sei, wenn so viele Frauen allein mit ihren Kindern lebten. Ein Bericht darüber könne nur gut sein. So wies die Politikerin an, worum solange gekämpft worden war. 
 
Wie immer fand ich das kleine Mitteilungsheft erst, als ich Frieders Schultasche genauer durchforstete. Zerknittert und fleckig steckte es zwischen zwei Schulheften, und natürlich teilte es mir wieder einmal Unangenehmes mit. Diesmal hatte Frieder den Musikunterricht torpediert. Ich solle sofort zu einer Aussprache kommen. Mein Jüngster, ein hyperaktives Kind, war schon im Kindergarten schwierig gewesen. Nun, in der Schule, schien er kaum noch zu bändigen. Er kippte seinen Schulranzen vor Wut auf die Erde, schlug mit dem Lineal um sich, ärgerte die Mädchen und verweigerte sich allem und grundsätzlich.
Was sollte ich machen? Ein absolut regelmäßiger Tagesablauf, eine ausgeglichene Atmosphäre könnten ihm helfen, riet eine Psychologin. Aber wie sollte ich das schaffen? Meinen Antrag auf Arbeitszeitverkürzung lehnte die Redaktion ab. Ein bereits zugesagter Halbtags-Arbeitsplatz in Wohnnähe wurde kurzfristig gestrichen. Für eine Alleinerziehende war auch in der DDR der Spielraum nicht sehr groß. Und Frieders Vater? Der war mit solchen Problemen immer überfordert gewesen.
Dafür trafen sie Johannes, Frieders drei Jahre älteren Bruder. Der versuchte, zu erklären, auszugleichen, auf den Jüngeren Einfluss zu nehmen. Er übernahm nach und nach, was gemeinhin von einem Vater erwartet wird und lud sich viel zu früh eine viel zu große Verantwortung auf. Ich sah es mit Stolz auf den vernünftigen Großen, aber auch mit einem schlechtem Gewissen. Ändern konnte ich es nicht. Hatte ich doch immer öfter das Gefühl, mich wie in einem Laufrad zu drehen ohne von der Stelle zu kommen.
Das ganz normale Zuhause mit Ruhe und Geborgenheit – ich erreichte es immer nur für kurze Zeit: Wenn wir abends unseren Picknick-Korb schnappten und unsere Stullen auf der Wiese neben einem kleinen Springbrunnen mitten im Neubaugebiet aßen. Oder wenn wir am Wochenende mit anderen alleinerziehenden Freundinnen und deren Kindern an einen See oder zum Wandern zogen. Erst recht im Urlaub. Da luden wir unser kleines Zelt ein und fuhren von einem Ostseeplatz zum nächsten. Ein spöttischer Blick hin zu den Familienzeltburgen, wir waren beweglich, konnten bleiben, wo es uns gefiel und entdeckten so immer Neues.
 
Von heute aus betrachtet liest sich jener Beitrag über Alleinerziehende aus dem Jahr 1988 unspektakulär und unkritisch. Aber endlich einmal standen da Schwarz auf Weiß konkrete Zahlen, wurden Probleme benannt. Beispielsweise, dass über 20 Prozent aller DDR-Familien nicht „vollständig“ waren, sondern nur aus einem Elternteil mit Kind(ern) bestanden. Dass dies fast ausschließlich Frauen waren. Dass Männer kaum eine Chance hatten, das Erziehungsrecht zu erhalten, die meisten allerdings auch keinerlei Interesse daran zeigten. Was es bedeutete, allein für alles verantwortlich zu sein. Und nicht zuletzt, dass Alleinerziehende im Allgemeinen ärmer dran waren als andere. Ihnen fehlte der in der DDR übliche zweite Verdiener. So gut wie nie konnten sie sich einen Trabi oder einen Farbfernseher leisten, oft genug besaßen sie auch keinen Waschautomaten und mitunter noch nicht einmal einen Kühlschrank. Wenn sie nach vielen Jahren mit einem FDGB-Ferienplatz „dran“ waren, trafen sie dort auf Paare, die lieber „in Familie“ blieben, als eine ohne Mann mit an den Tisch zu lassen. Eine, die womöglich ihre Ehe gefährden könnte. Wer gar nach einem neuen Lebensgefährten suchte, war erst recht auf sich allein gestellt. Die ersten Partnervermittlungsinstitute wurden in den Jahren 1987/88 zugelassen. Bis dahin hieß es: Eine DDR-Frau braucht so etwas nicht! Sie sei selbstbewusst und selbständig genug, alles ohne fremde Hilfe zu packen.
Ihr Alleinsein sahen die allermeisten als Defizit. Ein Zustand für möglichst kurze Zeit: unmittelbar vor der Ehe oder als Übergang zur nächsten Beziehung. Denn auch das ist eine Tatsache: Nahezu alle suchten sehr schnell wieder nach einem neuen, besseren Partner, wollten eine „vollständige“ Familie sein. Ein öffentliches Nachdenken über andere Lebensweisen und Familienformen gab es nicht. Ein Leben ohne dauernde Partnerschaft? Bemitleidenswert! Und ohne Kinder? Unvorstellbar!
 
Der Schock kam wenige Wochen nach der Maueröffnung. Journalistinnen aus dem Westteil Berlins wollten ihre Ost-Kolleginnen kennen lernen. Wir saßen um einen großen Tisch, betrachteten uns neugierig. Die Gastgeberinnen begannen, sie erzählten woher sie kamen, berichteten von den unterschiedlichsten beruflichen Erfahrungen in Deutschland und anderswo. Karriere-Etappen, die ich auch ein wenig neidvoll betrachtete. Mein beruflicher Werdegang sah dagegen recht gradlinig aus. Mehrere Studienabschlüsse, Ausprobieren in unterschiedlichen Jobs und Erfahrungen im Ausland hatte ich nicht vorzuweisen.
Aber wo war das Private? Warum erzählte keine über ihre Familie? „Wie alt sind eigentlich eure Kinder, was machen sie? Das interessiert uns doch auch!“ platzte es irgendwann aus mir heraus. Ein irritiertes Schweigen machte die Runde. Kind war hier kein Thema. Nur eine einzige der zehn West-Kolleginnen an diesem Tisch hatte Nachwuchs.
An diesem Abend begriff ich: Als Journalistin mit zwei Kindern – und dann noch allein erziehend - bist du hier eine exotische Ausnahme! Zum ersten mal hatte ich Angst vor der Zukunft.
 
Sich den Wunsch nach Kindern zu versagen, weil die nicht ins Berufsleben passten, war im Osten völlig fremd gewesen. In der DDR wurden über 90 Prozent aller Frauen auch Mütter. Mit der Wende änderte sich dies schlagartig. Die Geburtenzahl sank innerhalb von drei Jahren von 198.922 Kindern im Jahr 1989 auf 88.320. Die Entscheidung gegen eine Schwangerschaft war für viele endgültig. Die Zahl der Sterilisationen erreichte in jener Zeit ungeahnte Ausmaße.
Diejenigen, die bereits Kinder hatten, gar mit ihnen allein waren, mussten zusehen, wie sie zurechtkamen.
 
Meine Freundin Karin traf es bereits im Frühjahr 1990. Bei allen Demonstrationen in ihrer Heimatstadt Jena war sie mitgelaufen. Immer in der Hoffnung, jetzt wird alles anders und viel besser. Dann wurde die 38-jährige Diplom-Volkswirtin zu ihrer Personalchefin, der einstigen Kaderleiterin, bestellt: Ihre Kinder seien zu oft krank, sie selbst damit eine Belastung. Karin war gefeuert - als erste in ihrem Betrieb. Und das, obwohl sie mit drei Kindern allein lebte!
Sie konnte es überhaupt nicht fassen. Wie betäubt ging sie an ihren Arbeitsplatz und saß eine Stunde reglos vor aufgeschlagenen Tabellen. War ihre Arbeit denn wirklich so schlecht gewesen? Du musst das Allerletzte sein, wenn sie dich als erste kündigen, ging Karin immer wieder durch den Kopf. Vor Scham und Verzweiflung kam sie nicht mal auf die Idee, sich gegen die unrechtmäßige Entlassung zu wehren. Erst recht nicht, da sie mit keiner ihrer Kolleginnen darüber sprechen konnte. Die schauten hilflos an ihr vorbei und mieden sie wie die Pest. Diese soziale Ausgrenzung traf sie genauso wie der Verlust des bis in die Rente hinein sicher geglaubten Arbeitsplatzes. Hier im Betrieb hatte sie ihre Lehre gemacht, sich weiter qualifiziert, war zum Frauensonderstudium delegiert worden. Kolleginnen hatten ihr über den Kummer bei der Scheidung hinweggeholfen und wenn es mal wieder Streit mit ihrer pubertierenden Tochter gab, konnte sie sich wenigstens am nächsten Morgen in der Brigade ausheulen.
Jetzt saß sie zu Hause mit ihrer Angst und Verzweiflung und war allein. Ihre Freundinnen hatten doch alle noch Arbeit. Wie sollten die verstehen, was sie durchmachte?
 
In jenen Wochen und Monaten waren fast alle nur mit sich beschäftigt. Die Einblicke in die neue Welt verwirrten, die Nachrichten aus der alten trafen wie Keulenschläge. Es gab jene, die ständig auf Entdeckungstour waren, andere, die am liebsten den Kopf in den Sand steckten. Und dazu die, die kämpften - für eine bessere DDR, gegen die Stasi, gegen den Paragraphen 218, wogegen auch immer. Plötzlich schien so vieles möglich, und alles musste getan werden. Jetzt und sofort.
Dabei bedeutete der Aufbruch in die Marktwirtschaft zuallererst Chaos. Die alten Gesetze galten nicht mehr und die neuen Regeln beherrschte niemand. Fremde im eigenen Land: neues Geld, neue Angebote, neue Preise! Dazu nie geahnte Probleme. Was bedeutet richtig und vor allem ausreichend versichert? Wie erstellt man eine Steuererklärung? Welche Schulform ist für Kinder die richtige? Was verbirgt sich hinter Haupt-, Real- und Gesamtschulen? Wohin mit den Kindern, wenn der Hort schließt, Klubs und Arbeitsgemeinschaften dicht machen?
 
Von Heidruns Tragödie erfuhr ich erst Monate später. Ihr Lebensgefährte war irgendwo im Westen abgetaucht. Heidrun blieb mit dem fünfjährigen Franz zurück.
Dass sie auch noch ihren Arbeitsplatz als Näherin verlieren könne, daran glaubte sie lange nicht. Noch nicht einmal, als sie auf Kurzarbeit Null saß. Sie war doch eine der Besten, Springerin, für alle Arbeitsgänge qualifiziert. Selbst wenn nur einige blieben, sie würde dazugehören, da war sie sich sicher.
Ihre Hoffnung ging nicht auf. Der Betrieb wurde aufgelöst, niemand konnte bleiben. Das Geld, was Heidrun vom Arbeitsamt bekam, reichte nicht mal zum Leben. Zwar war sie eine Spitzenkraft gewesen, aber typische Frauenberufe wurden auch in der DDR schlechter bezahlt.
Beim ersten Gang zum Sozialamt hatte sie noch vor der Tür kehrt gemacht. Drei Wochen später konnte sie sich diese Scham nicht mehr leisten. Fassungslos erzählte sie danach von den Formularen, den unangenehmen persönlichen Fragen und den Vorhaltungen, wieso sie die Adresse des Kindsvaters nicht wisse. „Meinen Franz hab ich mir so gewünscht. Nie hätte ich ein Kind abtreiben lassen. Nun werde ich dafür bestraft!“
 
 Mit 91,2 Prozent hatte die DDR eine der höchsten Frauenerwerbsquoten der Welt. Nach der Währungsunion stellten Frauen ganz schnell den größten Teil der Arbeitslosen. Und genauso schnell waren die Argumente dafür da: Diese vielen Mütter auf dem Arbeitsmarkt seien nicht normal. Das würde sich ganz schnell ans Westniveau anpassen. Die meisten würden doch dankbar sein, dass sie endlich mehr Zeit für ihre Kinder hätten, ihnen deren kollektive Erziehung nicht mehr aufgezwungen würde.
Nach und nach bekam das eng geknüpfte Netz aus Kinderbetreuungseinrichtungen immer mehr Risse. Alleinerziehende spürten dies zuerst.
 
Der Anruf von Karin aus Jena kam an einem Mittwochabend. Sie konnte kaum sprechen vor Wut. Ihr Zorn galt einem Berater beim Arbeitsamt, einer aus Bayern abgestellten Fachkraft: „Sie mit ihren drei Kindern! Wär`s nicht viel besser, sie blieben ganz zu Hause und kümmerten sich?“, hatte der zu ihr gesagt. Karin heulte, als sie es mir erzählte. Ich hab zugehört, sie beruhigt, wir haben zusammen geflucht: Scheißwessis!
Zwei Tage hat Karin danach zu Hause gesessen. Dann konnte sie wieder klar denken und wollte etwas unternehmen. Ihre Wut hatte sie aus der Lethargie gerissen. Sie ist noch einmal aufs Arbeitsamt gegangen. Diesmal mit der klaren Forderung nach einer Umschulung. Was sollte sie in der neuen Gesellschaft denn auch mit einem Ökonomie-Studium aus DDR-Zeiten anfangen? Der Bayer hat nur mit den Schultern gezuckt: „Bitte, wenn sie unbedingt wollen...“ Er bot ihr einen Orientierungslehrgang an. Das war zumindest ein Anfang.
 
Unterhalt für geschiedene Ehefrauen sah das DDR-Gesetz nur in Ausnahmefällen vor. Die waren schließlich wirtschaftlich selbständig und konnten verdienen. Auch die Alimente für die Kinder waren niedrig. Im Scheidungsurteil oder mit der Vaterschaftsanerkennung wurden sie festgelegt und änderten sich in der Regel nur ein einziges Mal: mit dem 12. Lebensjahr des Kindes. Dafür subventionierte der Staat 85 Prozent aller Kosten für Kinder bis zum 18. Lebensjahr. In der Bundesrepublik sind das lediglich 35 - 50 Prozent. Die neuen höheren Preise für Kinderkleidung, Babynahrung, Kindergarten, Hort, Ferien- und Freizeitbetreuung bekamen Familien deshalb sehr schnell zu spüren.
 
Der Brief erreichte mich 1992, genau zu meinem 39. Geburtstag. Und er saß. Ihm sei zu Ohren gekommen, dass ich eine ABM-Stelle habe und nebenbei freiberuflich Geld verdiene, schrieb mein Geschiedener. Vom Gesetzgeber sei dies keinesfalls so vorgesehen. Außerdem habe er den Eindruck, ich würde die Kinder zu oft allein lassen, sie durch mein berufliches Engagement vernachlässigen. Von sachkundiger Seite sei ihm geraten worden, die Jugendhilfe einzuschalten. Vorsorglich kürzte er erst einmal die Unterhaltszahlungen.
Der Grund für seine Wut: Ich hatte ihn um eine Gehaltsbescheinigung gebeten. Ich wollte Klarheit, wie viel Alimente den Kindern zustanden.
In jener Zeit war ich voller Panik. Würde ich es schaffen, wieder Boden unter die Füße zu bekommen und genug für uns drei zu verdienen?
Von einer ABM-Stelle konnte keine Rede sein. Als der Frauenzeitschrift ein neues Konzept übergestülpt wurde, dass ich nicht mittragen konnte, bin ich gegangen. Erst einmal zum Arbeitsamt, wie so viele. Dann in die Freiberuflichkeit. Dieser Entschluss ist mir nicht leicht gefallen. Es war ein Sprung ins kalte Wasser.
Aber was blieb mir übrig? Journalisten wurden von Tag zu Tag mehr entlassen - an einen neuen festen Arbeitsplatz in meinem Beruf war nicht zu denken. Und auf kurzfristige Lösungen wollte ich mich schon wegen der Kinder nicht einlassen, ich musste uns dreien eine Zukunft bieten. Damit fiel ABM genauso weg wie die Illusion, mit Ende 30 noch mal ganz von vorn zu beginnen. Ich setzte auf meinen Beruf, den ich von der Pike auf gelernt und in dem ich Jahrzehnte gearbeitet hatte.
Meine Jungs - 12 und 15 Jahre alt – vernachlässigte ich in dieser Zeit wirklich. Nicht weil ich zu oft unterwegs war, sondern weil ich bis spät nachts an meinem Schreibtisch saß. Die Arbeit um mich scharrte wie einen Wall, der mir helfen sollte, Sicherheit zu gewinnen. Und hing die nicht am Geld? Du schaffst es, schwor ich mir immer wieder. Mal verzweifelt, mal ungläubig, mal verbissen. Irgendwie durchkommen, irgendwann ankommen. An anderes dachte ich nicht. Keine Zeit für Träume.
Ein paar Tage nach jenem Brief bat ich eine Anwältin, die Alimente für die Kinder einzuklagen. Mit meinem geschiedenen Mann habe ich seitdem nie wieder gesprochen.
 
Auch mehr als zehn Jahre nach der Wende sind im Osten Deutschlands mehr Frauen mit Kindern berufstätig als im Westen. 57 Prozent der Alleinerziehenden in den neuen Bundesländern arbeiten Vollzeit. In den alten Bundesländern trifft dies nur auf 28 Prozent zu. Mit einem sozialeren Arbeitsmarkt hat das keinesfalls zu tun, durchaus aber mit dem immer noch vorhandenen Netz an Krippen, Kindergärten und Schulhorten.
In erster Linie jedoch ist es der Hartnäckigkeit zu verdanken, mit der die meisten um Fortbildungen, Umschulungen und einen neuen Job kämpfen.
Das doppelte Gepäck war wohl auch von Vorteil, es hat trainiert.
 
Ein halbes Jahr war Heidrun auf Arbeitslosengeld und Sozialhilfe angewiesen. Dann gelang es ihr, eine Umschulung zur Hotelfachfrau zu bekommen. Dass es so schwer sein würde, sich noch einmal auf die Schulbank zu setzen, hätte sie nicht gedacht. Aber solch ein Job musste doch Zukunft haben. Gerade in Berlin, dieser Stadt voller Touristen.
Tatsächlich hat sie anschließend einen Arbeitsplatz gefunden. Nicht gerade im „Kempinski“, dafür in einem neuen kleinen Hotel bei ihr um die Ecke. Dass dieser Job unterm Strich kaum mehr einbringt als das Geld vom Staat davor, damit hatte Heidrun nicht gerechnet: 1400 Mark auf die Hand. Und das bei 40-Stunden-Woche und Schichtarbeit.
Seit der Unterhaltsvorschuss für ihren Franz ausgelaufen ist, kommt sie ohne Hilfe der Eltern kaum noch über die Runden. Jede Hose für den 13-Jährigen, jeder Kinobesuch oder gar eine Klassenfahrt bedeuten Kopfstände. Sie selbst leistet sich nahezu nichts. Und doch fühlt sie sich immer wieder als Versagerin, wenn der Sohn ihr vorhält, wie viel andere Eltern Taschengeld zahlen, dass die Freunde Mountainbike fahren und „richtig Urlaub“ machen.
 
Die Zahlen sprechen für sich: Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in Familien alleinerziehender Mütter fällt mit knapp 450 Euro 64 Prozent geringer aus als das von kinderlosen Paaren. In den 90er Jahren hat sich die Einkommenssituation alleinerziehender Frauen immer mehr verschlechtert. Mit ihren Kindern bilden sie diejenige Familiengruppe, die vergleichsweise am stärksten von Armut bedroht ist und in der Armut am häufigsten eintritt.
Über zwei Drittel aller Alleinerziehenden erhalten vom anderen Elternteil keinerlei Kindesunterhalt. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Unauffindbarkeit der Väter (mitunter auch Mütter), Zahlungsverweigerung, falsche Angaben über den Verdienst aber auch zu einem Einkommen unter dem Selbstbehalt, der Nichtsorgeberechtigten zusteht. Für längstens sechs Jahre je Kind, übernimmt der Staat einen Unterhaltsvorschuss. Danach müssen Alleinerziehende zusehen, wie sie zurecht kommen. Für sie ist keinerlei Selbstbehalt vorgesehen.
 
Meine ehemalige Nachbarin Silvia nutzt die neue Zeit auf ihre Art. Die 29-Jährige gelernte Optikerin lebt heute mit ihren Kindern in einer Neubauwohnung am Rande einer brandenburgischen Kleinstadt. Alles, was sie für sich, die 9-jährige Tochter und den sechs Monate alten Sohn benötigt, kommt vom Amt. Seit fast zehn Jahren. Zuerst sollte die Sozialhilfe nur ein Übergang sein; der Vater ihrer Tochter hatte sie verlassen – zurückgelassen mit Mietschulden. Von ihrem Lebenstraum – „ein Haus mit einer Wiese ringsum und wirklich nur für die Kinder da sein“, blieb nur das Hausfrauendasein übrig. Das aber konnte sie sich in der neuen Gesellschaft leisten. Ohne Mann!
Ganz frei ist sie allerdings nicht. „Mein Leben besteht fast nur aus Behördengängen.“ Dem regelmäßigen Besuch beim Sozialamt mit seinen unendlichen Formularen und immer neuen Fragen. Den Besuchen in Vereinen, die vielleicht zusätzliche Unterstützung geben. Dazu unzählige Stunden in Bibliotheken, um entsprechende Zusatztipps aus Tageszeitungen, Illustrierten und diversen Ratgebern herauszusuchen. Dazu müssen Briefe, Anträge und mitunter auch Beschwerden oder Wiedersprüche geschrieben werden. Wenn es drauf ankommt, geht Silvia bis vors Gericht. Was ihr zusteht, will sie auch bekommen. Sie hat all dies zum Vollzeitjob gemacht, der sie ausfüllt und der sie auffrisst.
Eine Abhängigkeit, aus der Silvia immer schwerer herauskommt: „Ich bin jetzt zehn Jahre zu Hause, eigentlich kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, wieder zu arbeiten.“ Zu ihren früheren Freunden hat sie kaum noch Kontakt. Sie sucht ihn nicht, und auch für mich ist ein Gespräch mit ihr schwierig. Silvia kennt nur ein Thema: Wie schaffe ich es, von irgendwo noch etwas Geld zu bekommen?
Ein Leben nur für die Kinder, wie sie es sich erträumt hatte, ist so nicht möglich. Seit kurzem befindet sich Silvia in psychologischer Behandlung. Ihre Aggressionen und ihre Verzweiflung lässt sie immer wieder an der Tochter aus.
 
Alleinerziehende rutschen am ehesten unter jene staatlich fest gelegte Grenze, die materiell Selbständige von Hilfebedürftigen trennt. Mit wachsender Kinderzahl steigt das Sozialhilferisiko. 32 Prozent aller alleinerziehenden Frauen in den alten und 17 Prozent in den neuen Bundesländern leben von staatlicher Stütze. Bei vielen ist dies allerdings nur für eine Übergangszeit nötig. In den alten Bundesländern kommen knapp 50 Prozent über kurz oder lang wieder aus der staatlichen Alimentierung heraus, in den neuen Bundesländern sind es sogar zwei Drittel.
 
Die Reisereportage entdeckte ich zufällig in der Zeitung: Mit dem Rucksack durch die Wüste! Ägypten war schon immer einer meiner Träume gewesen - die Pyramiden, eine Nacht in der Sahara! Einer, von dem ich dachte, dass er sich niemals erfüllen würde.
Warum eigentlich? Finanziell war es durchaus zu bewältigen Der Flug war billig, sich mit dem Rucksack im Land zu bewegen, kostete Pfennige, Mehr-Sterne-Hotels brauchten wir nicht. Die Kinder waren nicht mehr klein, das einzige, was dazu gehörte, war ein wenig Mut. Aber ein Abenteuer hatten sich die Jungs doch schon immer gewünscht.
Wir rüsteten uns mit Landkarte, Reiseführer, Moskitonetzen, Flugtickets aus – und dann gings los. Mit Sammeltaxe und Bus von einer Oase zur nächsten, auf einer Feluke den Nil hinab und zum Schluss Schnorcheln im Roten Meer. Von dieser Reise schwärmen meine Kinder noch heute; auch weil keiner ihrer Freunde ähnliches unternommen hat.
 
Ehe und Familie stehen unter dem Schutz des Staates, heißt es im Grundgesetz. In erster Linie profitiert davon die Ehe. Einem gut verdienenden „Ernährer“ bringt das Ehegattensplitting allemal mehr, als Alleinerziehenden durch Kindergeld zugestanden wird. Bis heute erhalten Ehepaare – zumindest wenn beide berufstätig waren - mehr Rente als Alleinstehende. Schließlich bekommt der Überlebende zur eigenen noch die Witwenrente des Partners. Ein Kind bringt nicht so viel ein. In der Rente der Mutter macht es sich gerade mal mit knapp 25 Euro monatlich bemerkbar. Bei Jüngeren sind es zumindest gut 60 Euro.
 
Die Einladung war etwas ganz besonderes. Auf einer Karte ein Tandem mit Mutter, Vater und zwei Söhnen. Meine ältesten Freunde luden mich zur Silberhochzeit ein. Wehmütig betrachtete ich die Fotomontage: Die haben es geschafft. Miteinander!
Wenn ich mich in meinem Freundeskreis umsehe, weiß ich: Es wird nicht viele Feste dieser Art geben. Zwar haben wir im Osten fast alle irgendwann geheiratet - aber fast alle trennten sich auch irgendwann wieder. Dann lebten die Mütter mit ihren Kindern allein, es gab neue Partnerschaften, neue Trennungen.
Mit der Wende ist mein Freundeskreis größer geworden und bunter. Nicht nur, was die Nationalitäten, sondern auch, was die Lebensvielfalt angeht. Da sind Bernd und Marina aus München, die nie ein Kind hatten und auch keins mehr groß ziehen werden. Christian und Marion leben getrennt, betreuen aber abwechselnd die Kinder in der einstigen Ehewohnung. Petra, die sich neu verliebt hat und ihren zehnjährigen Sohn beim Vater zurück ließ und Heidi, die ihren Timm nun mit einer Frau aufzieht. Es gibt Singles und Wohngemeinschaften. Paare, wie meinen Freund und mich, die seit Jahren zusammen sind, aber nicht in einer gemeinsamen Wohnung leben. Und auch meine Freundin Monika, die sich irgendwann entschloss, auf die Sicherheit von Steuervorteil und Witwenrente zu setzen – und heiratete.
 
Die Vielfalt an Lebensformen macht Mut. Und ist eine Chance, das Eigene zu finden. Warum gerade die Ehe das allein Seligmachende sein soll und ausgerechnet der Trauschein staatlich subventioniert und mit Steuergeschenken gefördert wird, ist nicht zu begreifen.
 Unterstützung brauchen jene, die für Kinder die Verantwortung tragen. Denn dies ist kein Hobby von einzelnen, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit.
Alleinerziehen ist eine Familienform wie andere auch. Mit Freuden, mit Problemen und mit einer Besonderheit: Die Verantwortung für alles trägt Eine oder Einer allein.
 
Zu meinem Geburtstag machten mir meine Söhne ein ganz besonderes Geschenk. Ein gerahmtes Foto, auf denen sie beide nebeneinander stehen. Im Arm haben sie ihre Freundinnen. Zwei strahlende Paare. Eine blau gerahmte Idylle - Sehnsucht nach einer heilen Familie.
Groß gekriegt hab ich sie, die beiden. Wir haben viel miteinander erlebt, Schönes und Verrücktes. Es ging laut und lebhaft zu, aber auch leise. Wir haben uns unsere Probleme erzählt, haben uns verkracht und wieder vertragen, uns auf die Sprünge geholfen und unter die Arme gegriffen. Wie in jeder anderen Familie auch. 
Aber da bleibt auch Traurigkeit. Etwas, was ich mir für die Kinder sehr gewünscht hatte, ist nicht in Erfüllung gegangen: Die Hoffnung auf eine enge Beziehungen zwischen Vater und Söhnen hat sich nicht erfüllt. Natürlich gab es Besuche. Natürlich bekamen beide ihr Weihnachtsgeschenk. Aber in schwierigen Phasen, als Frieder, der Jüngste, kaum noch zur Schule ging, die Nächte durch machte und schließlich durchs Abitur fiel, hätte er Konsequenz und Verständnis eines Vaters gebraucht.
Übrigens, auch bei dem steht ein Abzug jenes strahlenden Fotos in Blau. Schau mal, das sind wir geworden, will es sagen. Wir sind deine Familie.
 
In: In einem reichen Land. Herausgegeben von Günter Grass, Daniela Dahn, Johano Strasser. Steidl Verlag 2002

 

 

 

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